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Museumsleiterin Kirsten John-Stucke und Dr. Felix Römer, der im Burgsaal der Wewelsburg neue Innenansichten der Wehrmacht bot
 

Kreismuseum Wewelsburg

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Abgehört: Wie Soldaten der deutschen Wehrmacht tatsächlich dachten

Dr. Felix Römer referierte im Burgsaal der Wewelsburg über Gefangenenakten und Abhörprotokolle des geheimen US-Vernehmungslagers Fort Hunt, die neue Innenansichten der deutschen Wehrmacht ermöglichen

Wie dachten die Soldaten der Wehrmacht, vom Stabsgefreiten bis zum Offizier, über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus? Wie erlebten sie ihren Alltag an der Front? Wie sehr bestimmte die NS-Ideologie tatsächlich ihr Wertesystem und Tun? Völlig neue und authentische Erkenntnisse liefern die umfangreichen Abhörprotokolle aus dem geheimem Vernehmungslager Fort Hunt bei Washington, die erst in diesen Tagen ausgewertet wurden. Der US-Militärnachrichtendienst hatte von 1942 bis 1945 insgesamt rund 3.000 deutsche Kriegsgefangene interniert. Die Gefangenen waren nicht nur befragt sondern auch in ihren Zellen heimlich abgehört worden. Der Historiker Dr. Felix Römer, der dieses Material mit auswertete, lieferte in seinem Vortrag im Burgsaal der Wewelsburg überraschende Innenansichten der Wehrmacht im Zeitraum 1933 bis 1945.

Sein Fazit: Die nationalsozialistische Ideologie spielte für die Mehrheit der deutschen Soldaten überhaupt keine Rolle, war eher wie ein „Hintergrundrauschen“. Viel wichtiger war die Kameradschaft, die gerade in Kriegszeiten Geborgenheit und Halt bot. Und man gehörte eben nur dann dazu, wenn man sich an die militärischen Regeln hielt. Dazu gehörte dann auch, dass man seinen Job machte, also militärische Kompetenz besaß und sich als guter Soldat zeigte. „Das war für uns Historiker doch sehr verblüffend“, sagte Römer. Galt die Wehrmacht doch bis dahin als Paradebeispiel einer indoktrinierten Streitmacht. Vereint zeigten sich die abgehörten Soldaten auch in ihrem Stolz auf die Wehrmacht. Noch 1944 glaubten über 70 Prozent der Befragten, dass man den Krieg gewinnen könne. Die Stimmung kippte erst im Winter 1944/45. Das galt jedoch nicht für Adolf Hitler. Der Mythos vom Führer war langlebig. Bis zuletzt blieb er von der Kritik ausgenommen, berichtete Römer. Über Kampf und Tod wurde nicht gesprochen. Statt dessen über technische Dinge und den Waffengebrauch. Das war auch eine Form, sich von dem Grauen des Krieges zu distanzieren, meinte Römer.

Der Historiker betonte den Wert der neuen Quellen. Denn bisher war man bei der Mentalitätserforschung in erster Linie auf unter Zensur stehende Feldpostbriefe und einige Tagebücher sowie Nachkriegsmemoiren angewiesen. Die Gefangenen waren zu zweit oder zu dritt in Zellen untergebracht, blieben im Schnitt 14 Tage und wurden intensiv befragt, weshalb man intern das Lager auch als „Quetschmühle“ bezeichnete. Zudem wurden Spitzel eingeschleust, die versuchten, etwas aus den Inhaftierten heraus zu bekommen. Wer sich dann nicht sonderlich gesprächig zeigte, wurde wieder verlegt. „Die Soldaten wussten jedoch nicht, dass sie abgehört werden“, zeigte sich Römer überzeugt. Die Gespräche seien von emigrierten Juden oder deutsch sprechenden Amerikanern über versteckte Mikrofone abgehört und auf Wachsschallplatten aufgezeichnet worden. Einen neuen Zugang zur Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht ermöglicht der Quellenbestand aus Fort Hunt auch dadurch, dass es zu jedem der abgehörten Wehrmachtssoldaten standardisierte Personalbögen mit biographischen Daten gab. Ziel der Amerikaner war es, herauszufinden, ob Alter, soziale Herkunft und Bildung darüber entschieden, wie treu jemand zum Regime stand. Finden wollt man die „Sollbruchstellen der Kriegsgegner“, sagte Römer, um sie dann für die psychologische Kriegsführung zu nutzen.

Die sich anschließende Diskussion im gut gefüllten Burgsaal der Wewelsburg war fast genau so lang wie der Vortrag. Römer wurde nicht müde, alle Fragen bis ins Detail zu beantworten. Hatten die Verhöre juristische Konsequenzen? Nein, so Römer. Denn dann wären die geheimen Abhörlager aufgeflogen. Offen blieb allein die Frage, warum die Archive der Amerikaner seit 30 Jahren geöffnet sind, das rund 100.000 Seiten starke Material aber erst jetzt entdeckt und ausgewertet wurde. Für das Fritz Thyssen-Forschungsprojekt „Referenzrahmen des Krieges“ wurde der Bestand vollständig digitalisiert und erschlossen. Die Mainzer Universität hat auf ihrer Seite www.uni-mainz.de einen Bereich „Abgehört – das familiengeschichtliche Portal“ eingerichtet. Dort ist auch eine Liste mit den Namen aller Wehrmachtsangehörigen eingestellt, über die Gefangenenakten vorliegen. Auf Wunsch werden Angehörigen bzw. Nachfahren dieser Soldaten bei Interesse Kopien zur Verfügung gestellt.

Zum Referenten:

Felix Römer wurde 1978 in Hamburg geboren und studierte von 1998 bis 2003 Mittlere und Neuere Geschichte, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Alte Geschichte in Kiel und Lyon. Nach dem Abschluss seines Dissertationsprojekts zur Geschichte des Kommissarbefehls, das er als Stipendiat der Graduiertenförderung des Landes Schleswig-Holstein (2004) und der Gerda Henkel Stiftung (2004-2007) in Freiburg i. Breisgau realisierte, wurde er 2007 an der Universität Kiel promoviert. Seit 2008 ist er Stipendiat der Fritz Thyssen Stiftung und Mitarbeiter im Projekt „Kriegswahrnehmung und Kollektivbiographie“ am Historischen Seminar der Universität Mainz, wo er zugleich als Lehrbeauftragter tätig ist.

 
 
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