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Studenten des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universitäten Paderborn
 

Kreismuseum Wewelsburg

Burgwall 19
33142 Büren-Wewelsburg
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Lippes Grüner Hügel - Die Wagner-Festwochen in Detmold 1935-1944

Überregional beachtete Richard-Wagner-Festspiele im kleinstädtischen Detmold unter Teilnahme der bedeutendsten Wagner-Interpreten aus Bayreuth, großzügig finanziert aus öffentlichen und privaten Geldquellen und besucht von einer noch nie da gewesenen Schar an Musikfreunden und Neugierigen – was sich anhört, wie ein größenwahnsinniger Plan für ein Wagner-Musikevent unserer Tage, hat es tatsächlich in Detmold gegeben, 1935 bis 1944 in Gestalt der jährlich durchgeführten „Richard-Wagner-Festwochen“. Diese aufwändig in Szene gesetzte, nach dem Zweiten Weltkrieg aber rasch in Vergessenheit geratene Kulturveranstaltung stand im Focus eines Vortrags der Paderborner Studenten der Musikwissenschaften Cornelia Kohle, Agnes Seipelt und Andreas Fukerider im Burgsaal des Kreismuseums. Sie berichteten unter organisatorischen, inhaltlichen und finanziellen Aspekten von den Festwochen und gaben zudem Einblick in ein Zeitzeugeninterview, das sie für die Erforschung dieses Themas im Rahmen eines studentischen Projektes 2011/12 durchgeführt hatten. Der kleine, aber sehr interessierte Hörerkreis bekam auf diese Weise einen erstmals auf fundierter Quellenauswertung basierenden Einblick in ein erstaunliches Kapitel regionaler Musikgeschichte.

Als den Initiator und Organisator der Festwochen stellte zu Beginn ihres Vortrags Agnes Seipelt den 1900 in Halle/Saale geborenen Musikpädagogen Otto Daube vor. Daube, seit 1934 in Detmold tätig, war Wagner-Enthusiast und zugleich glühender Nationalist. Schon in den 1920er Jahren hatte er das Ziel verfolgt, dem angeblichen Kulturverfall in Deutschland eine Popularisierung des Werkes Richard Wagners entgegenzusetzen. Zehn Jahre später glaubte Daube in Detmold die ideale Bühne für sein Vorhaben, die Inszenierung massenwirksamer Wagner-Festspiele, gefunden zu haben. Detmold wurde so zum „Vorort von Bayreuth“, nicht zuletzt auch aufgrund der Bayreuth ähnelnden Lage Detmolds inmitten von Natur und der Nähe zu den von den Nationalsozialisten verehrten Externsteinen und dem Hermannsdenkmal. Mit dem Hinweis auf die große Rolle Daubes für die Wagner-Festwochen relativierte der Vortrag auch die bisher geltende Ansicht, diese seien im wesentlichen auf die Initiative des damaligen Gauleiters von Westfalen-Nord, Alfred Meyer, zurückzuführen.  

Allerdings wurde Meyer für den weiteren Verlauf und die zunehmende Bedeutung der Wagner-Festwochen Ende der 1930er Jahre der entscheidende Mann, wie Andreas Fukerider in seinem Beitrag erläuterte. Meyer, ein fanatischer Nationalsozialist, sorgte durch seine Position und seinen Einfluss für eine beträchtliche Etaterhöhung zu den Festwochen 1938 und 1939, die als Höhepunkte dieser Veranstaltungsreihe sogar Auftritte Bayreuther Kräfte in Detmold boten. Die Festwochen erlangten das Prädikat „reichswichtig“, Adolf Hitler entsandte zu den Veranstaltungen 1938 ein Grußtelegramm. Auf diese Weise, so Fukerider, konnte sich in der Folgezeit die Legende von Meyer als Organisator der Festwochen bilden.

Die gemischte Finanzierung der Festwochen aus privaten Geldern, Geldern der Stadt Detmold und einem wachsenden finanziellen Anteil von Land, Gau und Reich ermöglichte relativ „volkstümliche“ Eintrittspreise für die Bevölkerung, wie Frau Kohle in ihrem Referat über die Finanzierung der Festwochen darlegte. Dies entsprach auch der Zielsetzung der Veranstaltung: Die Richard-Wagner-Festwochen sollten über eine Popularisierung Wagners zugleich die mit Wagner verbundene nationalsozialistische Ideologie, beispielsweise einen heroischen Germanenkult, verbreiten. Entsprechend gab es ein „volkspädagogisches“ Begleitprogramm zu den musikalischen Aufführungen, das aus Schulungen, Vorträgen und Ausstellungen bestand. Die letzten Festwochen schließlich standen ganz im Dienste kriegsbedingter Durchhaltepropaganda.

Ob diese Propaganda auch bei den Besuchern der verschiedenen Veranstaltungen der Festwochen ankam, sollten Zeitzeugengespräche mit Teilnehmern an den Detmolder Musikveranstaltungen klären. Nach längerer Suche hatten die Studenten den Zeitzeugen Günther Guericke (Jhg. 1920) befragen können, der als Schüler des Gymnasiums Leopoldinum die ersten Festwochen erlebt hatte. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Jugendlichen damals weniger für die Musik als vielmehr für die technischen Aspekte der Aufführungen (u. a. die Drehbühne) interessierten und politisch-ideologische Inhalte kaum in Erinnerung geblieben sind. Im Gedächtnis des Zeitzeugen blieben zudem die starke touristische Vermarktung Detmolds und seiner Umgebung im Gefolge der Festwochen haften sowie die Begeisterung der Besucher für die Veranstaltungen. Dies beweist aber, dass die Organisatoren der Festwochen ihr Vorhaben mit Erfolg auszugestalten wussten.  

 

Andreas Weiß

 
 
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