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Dr. Jürgen Nelles - Verbrannte Bücher verkannter Dichter - wider das Vergessen - wiedergelesen
 

Kreismuseum Wewelsburg

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Nachbericht "Verbrannte Bücher verkannter Dichter - wider das Vergessen - wiedergelesen"

 

Privatdozent Dr. Jürgen NELLES (Bonn)

Verbrannte Bücher verkannter Dichter wider das Vergessen wieder gelesen

(Vortrag zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933)

Der Bild-Vortrag führte einige prägnante Beispiele für Bücherverbrennungen von der Antike bis in die Gegenwart vor Augen, um unter anderem zu zeigen, auf welche unselige Tradition sich die Nationalsozialisten 1933 ganz bewusst beziehen konnten und bezogen haben.

Unter Bücherverbrennung versteht man ganz allgemein die demonstrative Zerstörung von Büchern oder ande­ren Schriften durch Feuer, häufig mittels eines Scheiterhaufens. Die meist öffentlich durchgeführten Verbrennungen erfolgten und erfolgen in der Regel wegen politischer, moralischer oder religiöser Einwände gegen die Inhalte solcher Schriften oder gegen deren Verfasser und ihre Ansichten oder Lehren. Mindestens genauso wichtig ist es bei Bücherver­bren­­nungen, dass die miss­liebigen Bücher bzw. die Bücher missliebiger Autor­en nicht nur tat­sächlich verbrannt werden, sondern derartige Aktionen als publikumswirksame Inszenierungen gestal­tet und mit symbolischen Bedeutungen versehen oder aufgeladen werden.

Erste Überlieferungen für Bücherverbrennungen finden sich bereits in der Antike: Unter den Auftraggebern von Bücherverbrennungen im Alten Rom finden sich so promi­nente Namen wie der des ersten römischen Kaisers Augustus Oc­ta­vian (um 12 v. Chr.), ein Neffe Cäsars und Begründer der julisch‑clau­dischen Kaiserdynastie; und auch der letzte Kaiser dieser Dynastie, Nero, soll nicht nur den großen Brand von Rom (64) veranlasst haben, sondern auch Bücherverbrennungen. Unter Kaiser Hadrian schließlich werden die Römer (um 200) in Palästina Schriften und Menschen öffentlich verbrennen. Im Zuge der Christenverfolgung ließ Kaiser Diokletian im Jahre 303 Schrif­ten der Christen öffent­lich auf Markt­plätzen im gesamten römischen Reich ver­brennen. D. h. in der Antike wurden (1.) nicht nur Bücher verbrannt, sondern (2.) auch deren Verfasser; das geschieht (3.) häufig auf Anordnung höchster Autori­tä­ten und (4.) meistens öffentlich im Rahmen einer feierlichen Inszenie­rung.

Im Mittelalter erhielt die Verbrennung ketzerischer Bücher als Vollstreckung eines Urteils der Inquisition eine bis heute verwendete Bezeichnung: Autodafé. Das erste Autodafé fand vermutlich 1481 in Sevilla statt; insgesamt wurden mehrere tausend Autodafés durchgeführt. Ein besonders perfides Schauspiel musste am 6. Juli 1415, seinem Geburtstag, der böhmische Reformator Jan Hus, der in Konstanz zum Feuertod ver­ur­teilt wurde, mit ansehen. Jan Hus hatte für eine Reform der seiner Meinung nach verweltlichten Kirche gekämpft und nur die Bibel als einzige Auto­rität in Glaubensfragen anerkannt; damit stand er in Gegensatz zur Amts­kirche, die im Papst die letzte Instanz bei Glaubensent­schei­dungen sah. Auf dem Weg zur Hinrichtung wurde Hus am Friedhof jener Kirche vorbei­ge­führt, wo zur selben Stunde seine Bücher in Anwesenheit des Klerus und zahlreicher Zuschauer verbrannt wurden. Wenige Jahre später, während der >Hussitenkriege=, brannten wieder Bücher B diesmal aber die der Gegner von Jan Hus. Dieses Muster wird sich in den Glaubenskämpfen der folgenden Jahrhunderte fortsetzen, wie man anhand prominenter Beispiele sehen kann: 1497 und 1498 erzwang der Dominikanermönch Girolamo Savo­na­ro­la in Florenz die Her­ausgabe umstrittener Schrif­­ten und Gemälde, die auf einem AScheiter­haufen der Eitel­kei­ten, auf der Piazza della Signoria, verbrannt wurden darunter Werke von Boccaccio, Ovid und Petrarca sowie obs­zöne Bilder, die man in Florenz gefunden hatte. Noch im gleichen Jahr, 1498, wurde Savonarola der Ketzerei angeklagt und selbst ver­brannt  mitsamt seiner Schriften auf der Piazza della Signoria.

Auch die Spaltung der christlichen Kirche im 16. Jahrhundert war mit Bücherverbrennungen verbunden: Die Verbrennung sämtlicher papstfeindlicher Bücher und Schriften wurde 1501 in einer Päpst­lichen Bulle verfügt. 1520 erließ Papst Leo X. eine Bulle gegen den Reformator Martin Luther mit der Androhung des Bannes, also des Ausschlusses aus der Mutter Kirche. Daraufhin veranlasste Luther seinerseits am 10. Dezember 1520 die Akano­­­­ni­schen Rechtsbücher und die päpstliche Bannandrohungsbulle in Wittenberg zu verbrennen. Diese Aktion markierte und symbolisierte die endgültige Abkehr vom Katho­lizismus und das Ende der Bestrebungen, eine gütliche Einigung im Konfes­si­onsstreit zu finden.

Ein Ereignis gilt als geradezu epochal für die deutsche Geschichte, auf das sich auch die Nazis 1933 ganz bewusst bezogen haben: das Wartburgfest 1817. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon (1813/14) hatten viele Deutsche auf eine Erneuerung der Reichseinheit gehofft, wurden jedoch nach dem Wiener Kongress 1815 schnell desillusioniert. Denn die in Aussicht gestellten liberalen Verfassungen wurden nur zögernd oder gar nicht erlassen. Studenten der Universität Jena hatten daraufhin 1815 die erste (Ur-)Bur­schenschaft mit dem Ziel gegründet, die deutsche Einheit und die Tugenden der Nation an der Universität vorzu­le­ben. Um ihre Ziele weiter zu verfolgen, planten die Studenten eine Zusammenkunft auf der Wartburg, der eine symbolpolitische Bedeutung zugesprochen wurde, da Luther dort mit seiner Bibel-Über­setzung der deutschen Sprache eine verbindliche Gestalt gegeben und ein Zeichen des Widerstands gegen kulturelle Fremdherrschaft gesetzt hatte. Als sich am 18. Oktober 1817 auf der oberhalb von Eisenach gelegenen Wart­burg die in Burschenschaften organisierten Studenten trafen, wurden zwei Dut­zend als antinational oder undeutsch eingestuften Bücher symbolisch den Flammen überge­ben B symbolisch deshalb, weil statt der echten Bücher nur Bündel mit Makulaturpapier, auf denen die Titeln der betreffenden Bücher standen, den Flammen übergeben wurden.

Geradezu als prophetische Voraussage auf das, was dann hundert Jahre später kom­men sollte, wird immer wieder der vier Jahre nach dem Wartburgfest for­mulierte folgende Satz zitiert:

Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Dieses Zitat aus Heinrich Heines Tragödie Almansor (1821) bezieht sich allerdings nicht auf die wäh­rend des Wart­burg­festes 1817 durchgeführte Bücherverbrennung, sondern auf eine Verbrennung des Korans während der Ero­berung des spanischen Granada durch christliche Ritter.

Man könnte unzählige weitere Beispiele für Bücherverbrennungen anführen, und zwar sowohl in der Geschichte und immer wieder auch in der Gegenwart. Die Bücherverbrennung von 1933, die außer in Berlin in zahlreichen anderen deutschen Universitätsstätten unter Federführung der Studentenschaft und unter großer Beteiligung der Professorenschaft wie der Bevölkerung veranstaltet wurde, stellt dabei allerdings einen unrühmlichen Höhepunkt dar, an den immer wieder unter dem Motto „Wider das Vergessen“ erinnert werden muss.

Am Ende des Vortrags wurden noch drei sehr verschiedene Autoren und drei ihrer Bücher empfohlen, die von den Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 verbrannt worden sind, und die eine neue oder auch eine wiederholte Lektüre verdienen: Kurt Pinthus expressionistische Gedichtsammlung „Menschheitsdämmerung“ (1919), Arthur Schnitzlers Monolog-Novelle „Fräulein Else“ (1924) sowie Ernst Tollers Drama „Hoppla, wir leben!“ (1927).

 

 
 
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