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Kreismuseum Wewelsburg

Burgwall 19
33142 Büren-Wewelsburg
Tel.: 02955 / 7622-0
Fax: 02955 / 7622-22
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„Der Radikalismus des späten Konvertiten“

Professor Robert Gerwarth referierte im Kreismuseum Wewelsburg vor rund 100 Hörerinnen und Hörern über Leben und Wirken von Reinhard Heydrich

Kreis Paderborn (krpb). Es erscheint naheliegend, in Reinhard Heydrich, dem wichtigen Mitarbeiter von SS-Chef Heinrich Himmler und Organisator des Holocaust, einen Nationalsozialisten der ersten Stunde zu sehen. Doch der an der Dubliner Universität lehrende Professor Robert Gerwarth überraschte in seinem Vortrag im Kreismuseum Wewelsburg die Besucherinnen und Besucher mit der Erkenntnis, dass Heydrich bis 1931 nahezu unpolitisch war und keineswegs der rassistischen NS-Ideologie anhing. Doch wie wurde Heydrich dann zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes, des Sicherheitsdienstes (SD) und zum Vorsitzenden der berüchtigten „Wannseekonferenz“, bei der die Ermordung der europäischen Juden koordiniert wurde?

Antworten auf diese Fragen lieferte der junge Historiker Gerwarth vor rund 100 Zuhörern im Burgsaal der Wewelsburg. Der Professor für Moderne Geschichte hat die erste wissenschaftliche Biographie über Reinhard Heydrich verfasst. In seinem Vortrag zeichnete er dessen Lebensweg in klarer Sprache und anhand einiger Fotos nach.

Kein Nationalsozialist der ersten Stunde

Der 1904 geborene Heydrich genoss eine privilegierte, bildungsbürgerliche Jugend. Seine Eltern waren aufstiegsorientiert, der Vater Leiter des Konservatoriums in Halle an der Saale. Heydrich erhielt eine umfassende musikalische Erziehung, entwickelte sich zum passablen Violinisten und machte das Abitur. Anders als bei anderen führenden Nationalsozialisten, die später in politische Schlüsselstellungen aufsteigen sollten, radikalisierte sich Heydrichs Weltsicht jedoch nicht durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg, Revolution, Hyperinflation und wirtschaftlichen Niedergang in den frühen 1920er Jahren. Heydrich ging zur Kriegsmarine und wurde Leutnant, ein sicheres Einkommen in unsicheren Zeiten, verbunden mit einem gewissen gesellschaftlichen Prestige.

Erst zwei Schlüsselerlebnisse veränderten seinen Lebensweg nachhaltig. 1931 lernte er seine spätere Frau Lina von Osten kennen, eine glühende Nationalsozialistin. Im gleichen Jahr wurde er wegen eines gebrochenen Heiratsversprechens an eine andere Frau und seines arroganten Verhaltens vor dem Untersuchungsausschuss unehrenhaft aus der Marine entlassen. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise stand Heydrich ohne Arbeit da. Erst jetzt begann – auch unter dem Einfluss seiner Frau Lina – die Hinwendung zu den völkisch-radikalen Kreisen der Nationalsozialisten. Im Dunstkreis Himmlers gelang Heydrich eine steile Karriere im Polizei- und Sicherheitsapparat, eine „rauschhafte Erfahrung“, in der Heydrich vielfach improvisieren und sich selbst neu erfinden konnte.

Wandlung zum Überzeugungstäter

Bis 1936, so betonte Gerwarth in der Wewelsburg, war der Sozialisierungs- und Radikalisierungsprozess weitestgehend abgeschlossen. Heydrich wandelte sich zum weltanschaulichen Überzeugungstäter. Deutlich erkennbar sei ein „Radikalismus des späten Konvertiten“, der sich durch besondere Härte, Fleiß und Unerbittlichkeit gegenüber anderen, „alten Kämpfern“ profilieren wollte. Heydrich verstand es, die rassistischen Utopien Himmlers und Hitlers in reale Verfolgungsmaßnahmen umzusetzen bzw. in ihrem Sinne eigene Initiativen zu entwickeln. Für Millionen Menschen in Europa sollte dies den Tod bedeuten.



 
 
 
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